Kopfzerbrechen
Die geheimen Sieger
Kein jubelnder Triumph und auch keine großspurigen Versprechen: Frankreichs künftiger Präsident François Hollande gab sich nach seinem Wahlsieg Sonntagabend betont ernst. Denn er weiß nur zu genau, welch schwere Aufgabe ihn angesichts der europäischen Finanzkrise erwartet. Doch die eigentlichen Sieger der Präsidentschaftswahlen in Frankreich sind ohnehin nicht etwa die Sozialisten, sondern die Meinungsforschungsinstitute. In den vergangenen Monaten verging kaum ein Tag, an dem französische Medien keine für viel Geld bei Ifop, Ipsos oder CSA in Auftrag gegebene Umfrage zu den Wahlen veröffentlichten. Die Zahl der Meinungsumfragen ist deshalb im Vergleich zu früher kräftig gestiegen: Von knapp 300 bei den letzten Präsidentschaftswahlen 2007 auf rund 400. Laut Umfragen war die hohe Arbeitslosigkeit die Frage, die für die Franzosen im Wahlkampf oberste Priorität hätte haben sollen. Sie fürchten, dass es jetzt nach der Wahl zu massiven Stellenstreichungen kommen könnte, da viele Unternehmen nach Angaben aus Gewerkschaftskreisen Sozialpläne wegen des Wahlkampfs aufgeschoben haben. Doch die Arbeitslosigkeit spielte genau wie das hohe Haushaltsdefizit, das Rekord-Handelsbilanzdefizit, die hohe Staatsverschuldung, das schwächelnde Wachstum und die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit im Wahlkampf kaum eine Rolle. Stattdessen zappten die Kandidaten von einem absurderen Thema wie Halalfleisch oder der Führerscheinprüfung zum nächsten.
Dabei steht Hollande nun angesichts der wirtschaftlichen Probleme vor großen Herausforderungen. Der als gemäßigter Sozialdemokrat bekannte Absolvent der renommierten Wirtschaftshochschule HEC versuchte seine Landsleute gleich nach der Wahl darauf einzustimmen. Die Sozialisten stünden vor einer sehr viel schwierigeren wirtschaftlichen Situation als bei dem Wahlsieg von François Mitterrand 1981, erklärte Hollandes wirtschaftspolitischer Berater Michel Sapin am Montag: „Keiner erwartet von uns, dass wir allen Geschenke machen werden. Jeder weiss, dass das nicht der Realität entsprechen würde.“ Hollande will die Marschrichtung vorgeben, indem er als erstes die Gehälter von sich und seiner Regierung um 30% kürzt. Danach soll der Rechnungshof einen Kassensturz machen, um den Franzosen den Ernst der Lage deutlich zu machen. All das deutet darauf hin, dass Hollande erforderliche Einsparungen anpacken will. Die Franzosen wissen selber auch, dass das hohe Defizit in Angriff genommen werden muss. „Er wird keine Wunder vollbringen, aber er wird es besser machen als Sarkozy“, sagen viele. Denn die von Hollandes Vorgänger Nicolas Sarkozy geforderten Sparmaßnahmen wirkten in den Augen vieler ungerecht, da Sarkozy die Besserverdienenden zu schonen schien. Seit er nach seiner Wahl auf Kosten des Milliardärs Vincent Bolloré Urlaub machte und eine Steuerdeckelung für Besserverdienende verabschiedete, galt er als „Präsident der Reichen“. Hollande, der dagegen wie ein Otto-Normalverbraucher wirkt, dürfte damit bessere Karten haben, Reformen durchzusetzen.
Russlands Staatsbank Nummer 1
Russland im Modernisierungsrausch. Vier Branchen wollte Präsident Dmitry Medwedew auf Trab bringen: Medizintechnik und Gesundheitswesen, Transport, Energie und IT. Das wichtigste IT-Projekt: eine elektronische Allzweckkarte für jeden Bürger. Damit sollen sich künftig Steuern und Kommunalgebühren bezahlen sowie Überweisungen tätigen lassen. Künftig.
Denn noch ist es nicht so weit. Wer heute in Russland Geld überweisen will, geht zur größten Bank des Landes, der russischen Sberbank. Gegen Vorlage des Passes und eine Gebühr von drei Prozent tilgt man Schulden, bezahlt fürs Telefon und begleicht Rechnungen. So wie ich für meinen neuen Teppichboden. Nach eineinhalb Stunden bin ich am Ziel, Rechnung beglichen, Quittung erhalten. Zwei Tage später meldet sich der Teppichleger: Er hat mir das falsche Bankkonto genannt, das Geld geht zurück zur Sberbank.
Und das Dilemma beginnt. Gleich am nächsten Tag stehe ich mittags wieder vorm Sberbank-Schalter. Mit Überweisungsbeleg und den neuen Bankdaten unterm Arm. Schwieriger Fall, meint die Schalterdame. Ein Fall für die Filialleiterin. Die schnappt sich den Vorgang und verschwindet. Ich warte im Foyer. Und warte. Und warte. Zwei Stunden später wird ein Azubi auf mich aufmerksam. Ich schildere ihm meinen Fall, er will die Lage klären. Nach einer halben Stunde kommt er wieder: „Heute wird das nichts mehr.“ Schließlich schließe die Filiale in zwei Stunden, Feierabend steht vor der Tür. Einen Tag später stehe ich wieder vorm Schalter. Ich möge wieder im Foyer warten. Und wieder mein Azubi. „Ah ja…der Teppichboden“. Nach wieder einer Stunde bin ich an der Reihe. Ja, mein Geld sei sicher bei der Sberbank zurückgekommen, ich trage die richtigen Daten ein. Nach drei Arbeitstagen habe der Teppichleger sein Geld am Konto. Ganz sicher.
Nach einer Woche wird mein Teppichleger nervös. Und ich tingle zum vierten Mal zur Sberbank. Keine Sorge, meint die Bankangestellte. In spätestens drei Wochen sei das Geld am Konto. Ein fünftes Mal vorbeikommen müsse ich nicht mehr, ich könne mit einer SMS rechnen. Und Tatsache: Vier Tage später habe ich meine SMS und mein Teppichleger das Geld. Wozu da noch modernisieren?
Weg mit den alten Tretern
Manchmal erscheinen einem 16 Stunden Entfernung im Flugzeug wie ein Flug zum Mars. Zumindest wenn man in Deutschland vom Karstadt in San Diego im Nordstrom landet. Während eines Besuchs wurde ich Zeuge einer außerirdischen Begebenheit: Wie eine Freundin Schuhe in letzterem Geschäft zurückgab.
Freundin: Ich möchte gerne Schuhe zurückgeben.
Verkäufer: Selbstverständlich.
Freundin: Sie sind nicht mehr im Originalkanton.
(Ohoh….)
Verkäufer: Kein Problem.
Sie holt die Schuhe aus der Tüte hervor, auf dem weißen Stoff sieht man mehrere deutliche Gebrauchtspuren.
Freundin: Es war ein Geschenk an meinen Bruder: Er hat sie ein paar Mal getragen aber sie sind ihm nun doch zu eng.
(Sorry, aber wie kam das Mädel bitte auf die Idee, dass sie offensichtlich mehrfach getragene Schuhe zurückgeben kann?)
Verkäufer: Kein Problem. Haben Sie die Rechnung?
(Wie jetzt?)
Freundin: Nein, die habe ich leider nicht mehr.
(Wie bitte???? Wieso sind wir dann hier?)
Verkäufer: Kein Problem. Haben Sie die Kreditkarte, mit der sie sie gekauft haben?
Freundin: Ich habe leider vor einem Monat meine Kreditkarte verloren.
(Bin ich im Zirkus? Versteckte Kamera? Na gut, jetzt gehen wir aber.)
Verkäufer: Kein Problem. Wann haben Sie die Schuhe denn gekauft?
(Waaaasss?)
Freundin: In einer Rabattaktion vor Weihnachten. (Es ist Anfang Februar)
(Ich drehe mich mit dem Rücken zu den beiden, weil ich mein Kinn nicht mehr im Griff habe.)
Verkäufer: Sehr gut, dann finden wir die Rechnung. Wie ist ihr Name?
Freundin: XYZ
Verkäufer schaut in System nach, findet die Rechnung und erstattet den Kaufbetrag.
Ich bin stolz, dass ich weder den Verkäufer noch die Freundin anpicke, um festzustellen, ob sie alien-grünes Blut haben.
Portugiesisch? – Nein, Brasilianisch!
Wer “Brasilianisch” lernen will, bevor er nach Brasilien kommt, hat nicht etwa eine Bildungslücke, sondern geht genau richtig vor. Auch wenn die Unterschiede zwischen dem portugiesischen Portugiesisch und dem Brasilianischen nicht so gravierend sind, wie sie gerne dargestellt werden, legen die Brasilianer im Allgemeinen Wert darauf, “Brasilianisch” und nicht “Portugiesisch” zu sprechen. Das ist aus Sicht des eigenen Selbstverständnisses auch nachvollziehbar. Nicht umsonst werden Aussagen portugiesischer Politiker in den brasilianischen Nachrichten immer mit Untertiteln versehen, was sicher nicht unbedingt notwendig wäre, jedenfalls wenn der Politiker ohne Sprachfehler vorträgt. Man gibt unmissverständlich zu erkennen, dass man nicht die Sprache des einstigen Eroberers pflegt, sondern seine eigene. So zeugt es nicht von Unwissenheit, sondern von interkulturellem Verständnis, auf “Brasilianisch” zu verhandeln.
Die verlorenen Stockwerke
Sie kennen keine bereits eingetretene, drastische Folge der Globalisierung?
Dabei reicht ein kritischer Blick auf die Knöpfe des Aufzugs eines deutsch-chinesischen Unternehmens, um das offensichtliche Risiko zu entdecken: Wir verlieren Stockwerke! Wie auf dem Foto zu sehen, scheint das Gebäude 21 Stockwerke zu haben. Schaut man jedoch genauer hin, offenbart sich, dass es einen 4., einen 13. und einen 14. Stock vermisst – und selbstverständlich ganz amerikanisch kein Erdgeschoss hat. Das Gebäude entspricht also nach deutschen Maßen einem mit 17 Etagen. Wieso? Nun 4, im Chinesischen „sì“, klingt wie das chinesische Wort für Tod „sǐ“. Damit ist sie zur Unglückszahl degradiert worden. Das gilt aber leider nicht nur für die 4, sondern auch für jede andere Zahl, die eine 4 enthält – also 14, 40, 10294556 (zumindest theoretisch). Wieso die 13 eine Unglückszahl der Deutschen ist, ist zwar dem aufgeklärten Bürger von heute ein Rätsel, aber trotzdem bekannt.
Was passiert, wenn wir noch internationaler werden? Sagen wir eine Kooperation mit Italien, könnte uns schnell die 17 kosten – eine den Italienern unheimlichere Nummer als die 13. Schon sind wir bei faktisch 16 Stockwerken. Und was ist mit anderen Nationen und ihrem Aberglaube? Naher Osten? Afrika? Irgendwann steigen wir im 1. Stock ein und befinden uns eine Etage höher im 23..
Aber seien wir positiv: Wie schön ist es, im 10. Stock zu sitzen und einen Termin im 15. zu haben – statt der Alternative langer Wartezeiten und schweißtreibender fünf Etagen, hat man nur angenehme drei Stockwerke zu überwinden – und noch Zeit für einen Kaffee vor dem Meeting.
Große Augen
Weltwirtschaftsfronten
„Ich neige als Naturwissenschaftler dazu, die Dinge auf ihr Wesentliches zu simplifizieren“, sagt Saul Perlmutter. „Wir haben uns den ganzen Abend über die Euro-Krise unterhalten und ich muss feststellen – das alles wäre kein Problem, wenn sich alle auf eine Lösung einigen würden.“ Staunende Augenpaare starren den kleinen, quirligen Physiknobelpreisträger sprachlos an. So hatten die anwesenden Damen und Herren – allesamt Teilnehmer des Davoser Weltwirtschaftsforums – die Sache offenbar noch nicht betrachtet. Und natürlich hat Perlmutter Recht: Es gibt tatsächlich Probleme der Menschheit, bei denen angestrengt nach einer Lösung gesucht wird, die nicht am Tisch liegt – man denke nur an die Suche nach Impfstoffen gegen bestimmte Krankheiten.
Ist die Schuldenkrise also eine Lappalie? Nicht mehr als ein meckeliger kleiner Streit zwischen Kindern, die sich ums Spielzeug streiten? Mal ehrlich: Wie viele Ihrer Probleme ließen sich lösen, wenn sich Ihre Mitmenschen einfach nur auf eine Lösung einigen würden? Lassen Sie mich raten: Deutlich mehr als die Hälfte?
Und dennoch hat Perlmutter seinen Finger in die richtige Wunde gelegt. Denn nichts zeigte das diesjährige Forum so deutlich, wie die Tatsache, dass die Fronten zwischen den Nationen verhärtet sind. Eine fruchtbare Diskussion zwischen Amerikanern, Briten und Kontinentaleuropäern fand in Davos nicht statt. Die deutsche Kanzlerin, der britische Ministerpräsident, der US-Finanzminister – alle waren sie da, doch gesprochen wurde hintereinander, nicht miteinander. Und dasselbe Spiel wiederholte sich in all den Diskussionsrunden, die das Forum ausmachen. Europäer diskutierten mit Europäern, Chinesen mit Chinesen und Amerikaner mit Amerikanern. Die Griechen tauchten vorsorglich gar nicht auf (nur eine Abgeordnete und fünf Wirtschaftsvertreter ließen sich blicken). Ja, da kann man schon mal wie Perlmutter rufen: Hallo?? Redet doch mal miteinander!
Abergläubische Franzosen
Es regnet, wenn Sie das Restaurant nach dem Geschäftsessen verlassen wollen? Bloß nicht den Regenschirm aufspannen, wenn Sie sich noch innerhalb des Gebäudes befinden. Zumindest wenn Sie in Frankreich sind. Denn dort gilt das Aufspannen eines Regenschirms in einem Raum als Unglücksbringer. Immerhin 41 Prozent der Franzosen sind laut Umfragen abergläubisch. In der Altersgruppe der 15- bis 34-Jährigen sind es sogar 51 Prozent. Kein Wunder also vielleicht, dass in Paris seit über 25 Jahren eine Messe für Parapsychologie stattfindet – mit Kartenlegern, Astrologen und Hellsehern. Nach Angaben der Messeveranstalter kommen seit ein paar Jahren verstärkt Geschäftsmänner, die wissen wollen, ob ihr Unternehmen pleite gehen wird oder ob sie mit einer Kündigung rechnen müssen. Sie schämen sich nicht, denn sie befinden sich in guter Gesellschaft: Bereits der frühere Staatspräsident François Mitterrand konsultierte regelmäßig die bekannte Astrologin Elizabeth Teissier.










