Archiv für Dezember, 2011

29. Dezember 2011

Im Satzgewebe verheddert

von beijing4every1
China

China

Eine chinesische Kollegin erzählte mir einmal, wie sie bei einem internationalen Führungskräftetraining ihrer Firma teilnahm. Durch einen Zufall waren außer ihr nur ein anderer Chinese und sonst ausschließlich Deutsche anwesend. In einer Übung saßen sich die beiden Chinesen gegenüber und spielten die Situation eines Chefs, der einem Mitarbeiter eine Verwarnung geben musste. Drumherum saßen die deutschen Kollegen, um das Gespräch zu beurteilen und danach Hilfestellung zu geben. Als sie und der Kollege sich zufrieden nach dem Gespräch umsahen, schauten sie in ratlose Gesichter: Die Beobachter waren fassungslos. Aus ihrer Sicht war es kaum zehn Sekunden um das relevante Thema gegangen und ansonsten war nur aufs aller freundlichste parliert worden. Die beiden Chinesen waren von der Reaktion ebenso überrascht, hatten sie doch ein sehr ernsthaftes und für chinesische Verhältnisse deutliches Gespräch geführt.

Auch wenn ich mit chinesischer Kommunikation mehr vertraut bin als meine anwesenden deutschen Kollegen, frage auch ich mich immer wieder, ob ich das Gesagte richtig interpretiert habe.  Ich kann mich nicht erinnern, im Chinesischen ein klares ‚Nein’  im geschäftlichen Kontext häufig gehört zu haben. Natürlich bekommt man auf die alltägliche Fragen wie: „Gibt es noch eine Cola?“ gegebenenfalls ein ‚Nein’. Aber schon bei der Frage: „Kannst du das bis morgen erledigen?“ erhält man fast immer ein ‚Ja’ – was aber noch lange nicht bedeutet, dass die Sache morgen erledigt wäre. Denn manchmal hat der Antworter das Gefühl, dass der Frager sich bei der Frage bewusst war, dass dies unmöglich ist- sein Bejahen ist damit mehr eine Höflichkeitsbezeugung als eine Antwort und er steht am nächsten Tag etwas verdattert da, wenn man ihn um das Ergebnis bittet.

Die meisten Chinesen sagen nicht einfach so ‚Nein’. Sie spinnen ein für jeden, der in dem Kulturkreis aufgewachsen ist, sofort ersichtliches Satzgewebe, das auf ein ‘Nein’ hinausläuft.  Als Europäer bekommt man am Anfang nur die deutlichen Nein-Konstruktionen mit wie „In China geht das nicht.“ oder „Wir haben eine interne Richtlinie, die das untersagt.“ oder „Du verstehst China noch nicht.“ All diese Sätze sagen – egal wie freundlich ausgesprochen und mit wie viel Lächeln begleitet – NEIN!!!! (Aber keine Sorge, wenn ihr es hört: In China ist alles verhandelbar – es könnte nur teurer werden.)

16. Dezember 2011

Erst streiken, dann verhandeln

von madamepasdesac
Müllstreik

Streik in Marseille

Die Weihnachtsferien stehen bevor – und damit auch Streiks. Denn die Ferienzeit bedeutet für französische Gewerkschaften oft einen willkommenen Anlass, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Ob sie damit die wohlverdienten Urlaubsfreuden ihrer Mitbürger stören, ist ihnen egal. Ihnen geht es einzig und allein um die Durchsetzung ihrer Interessen. In diesem Jahr sieht es nicht anders aus: Das Sicherheitsdienstpersonal der Flughäfen hat pünktlich für den Beginn der Schulferien an diesem Wochenende Streiks angekündigt. Damit scheint das Chaos an Frankreichs Airports zur Hauptreisezeit vorprogrammiert. Ähnliches hätte auf den Schienen gedroht, doch die französische Bahn SNCF konnte die von den Schaffnern für die Adventswochenenden geplanten Streiks in letzter Minute abwenden.
Und doch täuscht der Eindruck, französische Gewerkschaften seien besonders mächtig. Im Gegenteil, denn noch nicht einmal zwei Millionen Arbeitnehmer sind gewerkschaftlich organisiert – gerade mal sieben bis acht Prozent. Das ist einer der niedrigsten Werte in Europa. Dagegen liegt der Wert beim öffentlichen Dienst weitaus höher. Die gut abgesicherten Beamten mit ihren zahlreichen Privilegien gelten als besonders streiklustig. So wollten jetzt die Lehrer mit Arbeitsniederlegungen die geplante Einführung von Benotungen für sie verhindern. Streiks gelten für die untereinander zerstrittenen Gewerkschaften, die politische ausgerichtet sind, nicht als letztes, sondern als wichtigstes Mittel. Je spektakulärer die Aktionen, desto besser. „Erst wird gestreikt, dann wird verhandelt“, lautet das Motto. Dem Staat kommt dabei eine Vermittlerrolle zu, denn auch tarifpolitisch sind die Gewerkschaften auf ihn angewiesen.
Zum Schluss aber noch eine gute Nachricht: Seit Präsident Nicolas Sarkozy einen Mindestdienst für den öffentlichen Nahverkehr eingerichtet hat, steht Frankreich bei Arbeitskämpfen im Gegensatz zu früher nicht mehr komplett still. In Paris zumindest funktioniert die Metro inzwischen selbst bei Streiks relativ gut.
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11. Dezember 2011

Die Wiener Diplomatie…

von rexonomy
Wien

Wien

Er war völlig aufgelöst: „Stell dir vor, da sagt mir dieser Landsmann von dir doch tatsächlich ins Gesicht, dass ihn das Thema nicht interessiert! Wie kann der so unhöflich sein??“

Das also kann passieren, wenn ein Wiener Pressesprecher auf einen deutschen Journalisten trifft. Beide glauben, dass sie sich ohne weiteres verstehen – wenn man mal vom unterschiedlichen Sprachklang absieht. Doch es ist ein Trugschluss, wenn Deutsche glauben, dass sie es in der Kommunikation mit Wienern aufnehmen können, wenn sie erst mal ihren Wortschatz aufgemöbelt haben und verstehen, dass  eine „Beilage“ am Briefende mit Kulinarik nichts zu tun hat, sondern eine ganz schnöde „Anlage“ meint und die „Mistkübel“ am Straßenrand nicht für die Fiaker-Pferde reserviert sind, sondern durchaus für die Allgemeinheit gedacht sind.

„Nun ja“, erwidere ich meinem Bekannten, „ich gehe davon aus, dass er das nicht unhöflich gemeint hat, sondern dir signalisieren wollte, dass du keine weiteren Mails schicken musst, weil es nichts bringen wird. Das spart dir doch auch Zeit.“  Dem Argument kann der Wiener wenig abgewinnen: „Tsss, Effizienz geht bei euch über alles. Er hätte ja auch sagen können, dass er sich das mal anschaut und sich bei mir meldet. Dann hätte ich das ja auch verstanden.“ Ja, er schon. Aber der Deutsche nicht.

Natürlich würde klare Kommunikation schneller funktionieren. Aber mit der Frontal-Kommunikationsstrategie kommt man als Deutscher in Wien nicht vorwärts, sondern tritt von einem Schlips auf den nächsten…

4. Dezember 2011

Man kann nur einem “Nein” trauen

von solveena
Straßenszene

Brasilien

Unmissverständlich “Nein” sagt man in Brasilien eigentlich nur einem interessierten Mann. Dann stehen die Chancen einigermaßen gut, dass er – wenigstens nach mehrmaligem Wiederholen des klaren “Neins” – von einem ablässt. Ansonsten fällt das Wort “Nein” in Brasilien eher selten. Will man beispielsweise einer Einladung zum Grillen, also zum churrasco, fern bleiben, ist eine kleine Ausrede durchaus empfehlenswert. In jedem Fall ist man “leider verhindert” oder “meldet sich noch mal”. Auch gerne genommen ist die Aussage “Ich schaue mal, ob ich es schaffe” – eigentlich weiß dann jeder, der Gast kommt nicht.
Niemals wird man ein “Nein” nach dem Anprobieren eines Kleidungsstücks oder eines Paares Schuhe hören. Es ist immer alles toll, aber man kommt dann noch mal wieder,… gerne auf dem Rückweg. Für den Verkäufer ist damit alles klar – der Schuh bleibt vorerst im Schaufenster.
Mit dem “Ja” ist es deutlich einfacher. Das fängt schon damit an, dass Brasilianer gemeinhin gerne zustimmen. Auf Konfrontation gehen sie nur ungern. Man sollte sich auf ein “Ja” jedoch nicht gleich verlassen. Wenn man beispielsweise fragt: “Könntest du mir beim nächsten Mal bescheid sagen, wenn du in die Stadt fährst?” und die Antwort “Ja” lautet, dann ist es trotzdem sehr unwahrscheinlich, dass man wirklich darauf hingewiesen wird. Auch entwickeln vor allem Männer im Geschäftsleben ein ungemeines Selbstvertrauen, das schnell zu einem voreiligen, euphorischen “Ja” führen kann. Man könnte ohne weiteres einen Gärtner fragen, ob er sich zutraut, im Garten das Empire State Building nachzubauen. Zu 100% kann er. Der Preis ist schnell ausgehandelt und es kann losgehen, nur mit Sicherheit hat der Bautrupp am nächsten Morgen weder Schaufel noch Schubkarre dabei, geschweige denn einen Plan, wie das mit dem Gebäude überhaupt funktionieren soll. Unterm Strich gilt: Nichts ist unmöglich in Brasilien, aber einem Nein kann man eher trauen als einem Ja.

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