Im Satzgewebe verheddert

von beijing4every1
China

China

Eine chinesische Kollegin erzählte mir einmal, wie sie bei einem internationalen Führungskräftetraining ihrer Firma teilnahm. Durch einen Zufall waren außer ihr nur ein anderer Chinese und sonst ausschließlich Deutsche anwesend. In einer Übung saßen sich die beiden Chinesen gegenüber und spielten die Situation eines Chefs, der einem Mitarbeiter eine Verwarnung geben musste. Drumherum saßen die deutschen Kollegen, um das Gespräch zu beurteilen und danach Hilfestellung zu geben. Als sie und der Kollege sich zufrieden nach dem Gespräch umsahen, schauten sie in ratlose Gesichter: Die Beobachter waren fassungslos. Aus ihrer Sicht war es kaum zehn Sekunden um das relevante Thema gegangen und ansonsten war nur aufs aller freundlichste parliert worden. Die beiden Chinesen waren von der Reaktion ebenso überrascht, hatten sie doch ein sehr ernsthaftes und für chinesische Verhältnisse deutliches Gespräch geführt.

Auch wenn ich mit chinesischer Kommunikation mehr vertraut bin als meine anwesenden deutschen Kollegen, frage auch ich mich immer wieder, ob ich das Gesagte richtig interpretiert habe.  Ich kann mich nicht erinnern, im Chinesischen ein klares ‚Nein’  im geschäftlichen Kontext häufig gehört zu haben. Natürlich bekommt man auf die alltägliche Fragen wie: „Gibt es noch eine Cola?“ gegebenenfalls ein ‚Nein’. Aber schon bei der Frage: „Kannst du das bis morgen erledigen?“ erhält man fast immer ein ‚Ja’ – was aber noch lange nicht bedeutet, dass die Sache morgen erledigt wäre. Denn manchmal hat der Antworter das Gefühl, dass der Frager sich bei der Frage bewusst war, dass dies unmöglich ist- sein Bejahen ist damit mehr eine Höflichkeitsbezeugung als eine Antwort und er steht am nächsten Tag etwas verdattert da, wenn man ihn um das Ergebnis bittet.

Die meisten Chinesen sagen nicht einfach so ‚Nein’. Sie spinnen ein für jeden, der in dem Kulturkreis aufgewachsen ist, sofort ersichtliches Satzgewebe, das auf ein ‘Nein’ hinausläuft.  Als Europäer bekommt man am Anfang nur die deutlichen Nein-Konstruktionen mit wie „In China geht das nicht.“ oder „Wir haben eine interne Richtlinie, die das untersagt.“ oder „Du verstehst China noch nicht.“ All diese Sätze sagen – egal wie freundlich ausgesprochen und mit wie viel Lächeln begleitet – NEIN!!!! (Aber keine Sorge, wenn ihr es hört: In China ist alles verhandelbar – es könnte nur teurer werden.)

Ein Kommentar to “Im Satzgewebe verheddert”

  1. Ganz so höflich klingt in meinen Ohren ein “Du verstehst China noch nicht” auch nicht wirklich… Könnte es sein, dass die Chinesen generell Höflichkeit anders verstehen?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.