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1. Mai 2012

Russlands Staatsbank Nummer 1

von exportamball
Teppichleger in Moskau

Teppichleger in Moskau

Russland im Modernisierungsrausch. Vier Branchen wollte Präsident Dmitry Medwedew auf Trab bringen: Medizintechnik und Gesundheitswesen, Transport, Energie und IT. Das wichtigste IT-Projekt: eine elektronische Allzweckkarte für jeden Bürger. Damit sollen sich künftig Steuern und Kommunalgebühren bezahlen sowie Überweisungen tätigen lassen. Künftig.

Denn noch ist es nicht so weit. Wer heute in Russland Geld überweisen will, geht zur größten Bank des Landes, der russischen Sberbank. Gegen Vorlage des Passes und eine Gebühr von drei Prozent tilgt man Schulden, bezahlt fürs Telefon und begleicht Rechnungen. So wie ich für meinen neuen Teppichboden. Nach eineinhalb Stunden bin ich am Ziel, Rechnung beglichen, Quittung erhalten. Zwei Tage später meldet sich der Teppichleger: Er hat mir das falsche Bankkonto genannt, das Geld geht zurück zur Sberbank.

Und das Dilemma beginnt. Gleich am nächsten Tag stehe ich mittags wieder vorm Sberbank-Schalter. Mit Überweisungsbeleg und den neuen Bankdaten unterm Arm. Schwieriger Fall, meint die Schalterdame. Ein Fall für die Filialleiterin. Die schnappt sich den Vorgang und verschwindet. Ich warte im Foyer. Und warte. Und warte. Zwei Stunden später wird ein Azubi auf mich aufmerksam. Ich schildere ihm meinen Fall, er will die Lage klären. Nach einer halben Stunde kommt er wieder: „Heute wird das nichts mehr.“ Schließlich schließe die Filiale in zwei Stunden, Feierabend steht vor der Tür. Einen Tag später stehe ich wieder vorm Schalter. Ich möge wieder im Foyer warten. Und wieder mein Azubi. „Ah ja…der Teppichboden“. Nach wieder einer Stunde bin ich an der Reihe. Ja, mein Geld sei sicher bei der Sberbank zurückgekommen, ich trage die richtigen Daten ein. Nach drei Arbeitstagen habe der Teppichleger sein Geld am Konto. Ganz sicher.

Nach einer Woche wird mein Teppichleger nervös. Und ich tingle zum vierten Mal zur Sberbank. Keine Sorge, meint die Bankangestellte. In spätestens drei Wochen sei das Geld am Konto. Ein fünftes Mal vorbeikommen müsse ich nicht mehr, ich könne mit einer SMS rechnen. Und Tatsache: Vier Tage später habe ich meine SMS und mein Teppichleger das Geld. Wozu da noch modernisieren?

19. November 2011

Wenn Russen “njet” sagen

von exportamball

 

Russischer Fischmarkt

Russischer Fischmarkt

Auf Russen ist Verlass. Wer Ja sagt, meint das auch so. Zumindest in der Regel. „Da, ja budu“ heißt „Ja, ich komme“. Und zwar mit derselben Pünktlichkeit, wie man sie uns Deutschen nachsagt. Und besonders gegenüber Deutschen besinnen sich viele auf die Kardinaltugenden. Was für Alltagssituationen unter Freunden und Bekannten gilt, das gilt auch fürs Geschäft. Deutsche Unternehmer und Banker sind sich einig: Russen stehen zu ihren Verträgen. Ein „Da“ unter Geschäftsleuten ist mehr als die halbe Miete. Die Zahlungsmoral russischer Firmen ist weit besser als ihr Ruf. Die Statistik ist eindeutig: Komplettausfälle haben die wenigsten deutschen Unternehmer im Russlandbusiness zu beklagen. Und wenn russische Unternehmer – wie zur Wirtschaftskrise – gerade nicht liquide sind, so strecken langjährige Geschäftspartner schon mal Zahlungsziele. Denn die Erfahrung hat gezeigt: Russen stehen zu ihrem Wort.

So verlässlich das russische „Da“ ist, so vernichtend und eindeutig fällt das „Njet“ aus. Sich mit List und Tücke, mit Wenn und Aber aus der Affäre stehlen – das ist keine russische Eigenschaft. Russen bevorzugen klare Ansagen. Und genauso klare Absagen. Gerade bei Erstkontakten wie etwa am Telefon, auf Messen oder im Kaufhaus hat Diplomatie keinen Platz. Bittsteller haben schlechte Karten, wenn Sie ihrem Gegenüber nicht sofort einen Nutzenzuwachs in Aussicht stellen können. Russische Sekretärinnen sehen es oft als sportliche Herausforderung an, Anrufer nicht zu Kollegen oder gar zum Chef durchzustellen. Zur Weißglut treibt mich in Russland nur noch das „Njet“ im Supermarkt. Wenn ich an der Wursttheke stehe und nicht eine ganze, sondern die Hälfte einer bereits angeschnittenen Fleischwurst will. „Njet, die gibt’s nur im Stück“, fährt mich meine Lieblingsverkäuferin regelmäßig an. Das Gute daran: Auf die Antwort ist Verlass.

27. September 2011

Ein Kreuz mit der Korruption

von exportamball

In Russland ein Auto anmelden – das ist ein Kreuz. Bei meinem 13 Jahre alten BMW war die Motorennummer nicht mehr deutlich lesbar. Da hilft nur ein Gutachten. Die sind kostenfrei. So können sich die Mitarbeiter in der Zulassungsstelle nicht mehr an den Gebühren bereichern – so des Gesetzgebers Denke. Doch leider ist der Andrang am Anmeldebüro für Ausländer so groß, dass so ein Gutachten vier Monate dauert. Geht natürlich auch schneller, so der auskunftsfreudige Prüfer. Für 400 Euro in bar. Dann ist das Gutachten in einer Woche fertig. So habe ich also vier Monate auf die erste Spritztour durch Moskau gewartet.

Das ist nunmehr vier Jahre her. Mittlerweile hat Präsident Medwedew Rechtsnihilismus und Korruption einen erbarmungslosen Kampf prophezeit. Es wurden Antikorruptionsgesetze erlassen. Doch geändert hat sich nichts. Während andere Staaten im Korruptionsindex von Transparency International besser werden, tritt Russland auf der Stelle. Und liegt nunmehr gleichauf mit Laos und Tadschikistan.

Dabei ist die Autoanmeldung noch das kleinste Übel. Für eine Baugenehmigung braucht man über 50 Teilgenehmigungen. Von unterschiedlichen Prüfern. Aus unterschiedlichen Behörden. Von denen habe keiner auch nur ansatzweise Interesse an ausländischen Investoren – sondern nur an der eigenen Kasse, klagen deutsche Unternehmer. Ergo: Der Rubel rollt. Apropos rollen. Lkw-Fahrten durch Russland übernähmen für seine Firma längst ukrainische oder weißrussische Fahrer, erzählte mir diese Woche ein deutscher Spediteur. Weil Deutsche an jedem Kontrollposten zur Kasse gebeten würden. Und wer am Zollposten zu Russland nicht wochenlang auf die Abfertigung warten will, legt den Frachtpapieren ungefragt 250 bis 500 Euro bei. Doing business in Russland – das ist ein Kreuz.

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