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7. Mai 2012

Die geheimen Sieger

von madamepasdesac

Paris

Kein jubelnder Triumph und auch keine großspurigen Versprechen: Frankreichs künftiger Präsident François Hollande gab sich nach seinem Wahlsieg Sonntagabend betont ernst. Denn er weiß nur zu genau, welch schwere Aufgabe ihn angesichts der europäischen Finanzkrise erwartet. Doch die eigentlichen Sieger der Präsidentschaftswahlen in Frankreich sind ohnehin nicht etwa die Sozialisten, sondern die Meinungsforschungsinstitute. In den vergangenen Monaten verging kaum ein Tag, an dem französische Medien keine für viel Geld bei Ifop, Ipsos oder CSA in Auftrag gegebene Umfrage zu den Wahlen veröffentlichten. Die Zahl der Meinungsumfragen ist deshalb im Vergleich zu früher kräftig gestiegen: Von knapp 300 bei den letzten Präsidentschaftswahlen 2007 auf rund 400. Laut Umfragen war die hohe Arbeitslosigkeit die Frage, die für die Franzosen im Wahlkampf oberste Priorität hätte haben sollen. Sie fürchten, dass es jetzt nach der Wahl zu massiven Stellenstreichungen kommen könnte, da viele Unternehmen nach Angaben aus Gewerkschaftskreisen Sozialpläne wegen des Wahlkampfs aufgeschoben haben. Doch die Arbeitslosigkeit spielte genau wie das hohe Haushaltsdefizit, das Rekord-Handelsbilanzdefizit, die hohe Staatsverschuldung, das schwächelnde Wachstum und die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit im Wahlkampf kaum eine Rolle. Stattdessen zappten die Kandidaten von einem absurderen Thema wie Halalfleisch oder der Führerscheinprüfung zum nächsten.

Dabei steht Hollande nun angesichts der wirtschaftlichen Probleme vor großen Herausforderungen. Der als gemäßigter Sozialdemokrat bekannte Absolvent der renommierten Wirtschaftshochschule HEC versuchte seine Landsleute gleich nach der Wahl darauf einzustimmen. Die Sozialisten stünden vor einer sehr viel schwierigeren wirtschaftlichen Situation als bei dem Wahlsieg von François Mitterrand 1981, erklärte Hollandes wirtschaftspolitischer Berater Michel Sapin am Montag: „Keiner erwartet von uns, dass wir allen Geschenke machen werden. Jeder weiss, dass das nicht der Realität entsprechen würde.“ Hollande will die Marschrichtung vorgeben, indem er als erstes die Gehälter von sich und seiner Regierung um 30% kürzt. Danach soll der Rechnungshof einen Kassensturz machen, um den Franzosen den Ernst der Lage deutlich zu machen. All das deutet darauf hin, dass Hollande erforderliche Einsparungen anpacken will. Die Franzosen wissen selber auch, dass das hohe Defizit in Angriff genommen werden muss. „Er wird keine Wunder vollbringen, aber er wird es besser machen als Sarkozy“, sagen viele. Denn die von Hollandes Vorgänger Nicolas Sarkozy geforderten Sparmaßnahmen wirkten in den Augen vieler ungerecht, da Sarkozy die Besserverdienenden zu schonen schien. Seit er nach seiner Wahl auf Kosten des Milliardärs Vincent Bolloré Urlaub machte und eine Steuerdeckelung für Besserverdienende verabschiedete, galt er als „Präsident der Reichen“. Hollande, der dagegen wie ein Otto-Normalverbraucher wirkt, dürfte damit bessere Karten haben, Reformen durchzusetzen.

15. Januar 2012

Abergläubische Franzosen

von madamepasdesac
Paris

Paris

Es regnet, wenn Sie das Restaurant nach dem Geschäftsessen verlassen wollen? Bloß nicht den Regenschirm aufspannen, wenn Sie sich noch innerhalb des Gebäudes befinden. Zumindest wenn Sie in Frankreich sind. Denn dort gilt das Aufspannen eines Regenschirms in einem Raum als Unglücksbringer. Immerhin 41 Prozent der Franzosen sind laut Umfragen abergläubisch. In der Altersgruppe der 15- bis 34-Jährigen sind es sogar 51 Prozent. Kein Wunder also vielleicht, dass in Paris seit über 25 Jahren eine Messe für Parapsychologie stattfindet – mit Kartenlegern, Astrologen und Hellsehern. Nach Angaben der Messeveranstalter kommen seit ein paar Jahren verstärkt Geschäftsmänner, die wissen wollen, ob ihr Unternehmen pleite gehen wird oder ob sie mit einer Kündigung rechnen müssen. Sie schämen sich nicht, denn sie befinden sich in guter Gesellschaft: Bereits der frühere Staatspräsident François Mitterrand konsultierte regelmäßig die bekannte Astrologin Elizabeth Teissier.

In Frankreich blüht das Geschäft mit dem Aberglauben, auch wenn es laut Statistikamt INSEE gerade mal 2.300 als Unternehmen angemeldete Hellseher gibt, die zusammen auf einen Jahresumsatz von schätzungsweise 73 Millionen Euro kommen. Doch in Wirklichkeit dürfte die Zahl sehr viel höher liegen. In den letzten Jahren hat sich die Spezialbranche vor allem im Internet entwickelt. Die Masche der Anbieter ist immer gleich: Erstmal die Kunden auf die Webseite locken und sie dann zu einer gebührenpflichtigen Telefonberatung verführen. Drei Euro pro Minute lassen sie sich das im Schnitt kosten. Cosmospace, der führende Anbieter, kommt nach Angaben von Firmenchef Pascal Mari auf einen Umsatz von 15 Millionen Euro. „Horoskope machen nur zehn Prozent der Nachfrage aus. Am meisten gefragt sind die Hellseher und Kartenleger“, sagt er.
16. Dezember 2011

Erst streiken, dann verhandeln

von madamepasdesac
Müllstreik

Streik in Marseille

Die Weihnachtsferien stehen bevor – und damit auch Streiks. Denn die Ferienzeit bedeutet für französische Gewerkschaften oft einen willkommenen Anlass, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Ob sie damit die wohlverdienten Urlaubsfreuden ihrer Mitbürger stören, ist ihnen egal. Ihnen geht es einzig und allein um die Durchsetzung ihrer Interessen. In diesem Jahr sieht es nicht anders aus: Das Sicherheitsdienstpersonal der Flughäfen hat pünktlich für den Beginn der Schulferien an diesem Wochenende Streiks angekündigt. Damit scheint das Chaos an Frankreichs Airports zur Hauptreisezeit vorprogrammiert. Ähnliches hätte auf den Schienen gedroht, doch die französische Bahn SNCF konnte die von den Schaffnern für die Adventswochenenden geplanten Streiks in letzter Minute abwenden.
Und doch täuscht der Eindruck, französische Gewerkschaften seien besonders mächtig. Im Gegenteil, denn noch nicht einmal zwei Millionen Arbeitnehmer sind gewerkschaftlich organisiert – gerade mal sieben bis acht Prozent. Das ist einer der niedrigsten Werte in Europa. Dagegen liegt der Wert beim öffentlichen Dienst weitaus höher. Die gut abgesicherten Beamten mit ihren zahlreichen Privilegien gelten als besonders streiklustig. So wollten jetzt die Lehrer mit Arbeitsniederlegungen die geplante Einführung von Benotungen für sie verhindern. Streiks gelten für die untereinander zerstrittenen Gewerkschaften, die politische ausgerichtet sind, nicht als letztes, sondern als wichtigstes Mittel. Je spektakulärer die Aktionen, desto besser. „Erst wird gestreikt, dann wird verhandelt“, lautet das Motto. Dem Staat kommt dabei eine Vermittlerrolle zu, denn auch tarifpolitisch sind die Gewerkschaften auf ihn angewiesen.
Zum Schluss aber noch eine gute Nachricht: Seit Präsident Nicolas Sarkozy einen Mindestdienst für den öffentlichen Nahverkehr eingerichtet hat, steht Frankreich bei Arbeitskämpfen im Gegensatz zu früher nicht mehr komplett still. In Paris zumindest funktioniert die Metro inzwischen selbst bei Streiks relativ gut.
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26. November 2011

Si vous voulez…

von madamepasdesac
Paris

Paris

Die Einladungen mit der Bitte um Zu- oder Absage sind verschickt. „Ich versuche, zu kommen“, lautet die Antwort eines französischen Gasts. „Er wird alles daran setzen, zu kommen“, denke ich. Um dann während des Festes vergeblich auf ihn zu warten. „Aber das ist doch völlig klar“, erklärt mir daraufhin ein französischer Freund. „Er wollte dich nicht mit einer Absage brüskieren.“ Denn wichtiger als ein klares „Ja“ oder „Nein“ ist in Frankreich die Höflichkeit. Nur niemanden Bloßstellen, lautet das Motto – im Privat- wie im Geschäftsleben. Deshalb wird ein Franzose auch in der Regel nicht sagen, wenn er nicht begeistert von einem Vorschlag ist. Stattdessen wird er antworten: „Si vous voulez.“ Was für deutsche Geschäftspartner nach einer Zustimmung klingt, da es wörtlich übersetzt „wenn sie wollen“ bedeutet.
Im Gegenzug wird die direkte deutsche Art von Franzosen oft als ungehobelt, verletzend und kontraproduktiv empfunden. Deshalb sollte man sich in Frankreich auch davor hüten, bei Vertragsverhandlungen oder anderen Geschäftstreffen sofort mit der Tür ins Haus zu fallen oder die Vorschläge der Gegenpartei direkt abzulehnen. Stattdessen sollte man sich Zeit nehmen, den anderen kennen zu lernen und sich diplomatisch zeigen. Denn die Form ist in Frankreich wichtiger als der Inhalt. Gleichzeitig zählt nur das schriftliche Wort. Deshalb sind in Frankreich lange, oft umständliche und komplizierte Verträge üblich. Vor einer mündlichen Zusage sollte man sich deshalb eher hüten – und warten, bis der Schriftsatz unterzeichnet ist.
6. Oktober 2011

Dienstmädchensteuer

von madamepasdesac

Die Wohnungsnot in Paris macht die Politik erfinderisch

Nach dem Ende der traditionellen Sommerpause in Frankreich, der so genannten „Rentrée“, hat für viele Studenten oder Arbeitnehmer, die die Stelle gewechselt haben, die Suche nach einer neuen Wohnung begonnen. Eine schwierige Übung – vor allem in Paris mit seinen horrenden Preisen. Dienstmädchenzimmer, winzige Dachkammern mit Dusche und WC auf dem Gang, sind selten unter 500 Euro pro Monat zu haben, kleine Studios oder noch nicht mal 30 Quadratmeter große Ein-Zimmer-Wohnungen nicht unter 650 bis 700 Euro. Da Drei-Zimmer-Wohnungen in der französischen Hauptstadt im Schnitt 1.650 Euro (kalt, versteht sich) kosten und damit für viele Normalbürger zu teuer sind, sind vor allem die kleinen Wohnungen oder Zimmer begehrt. Viele Vermieter nutzen das schamlos aus. Bisher. Denn nun hat die konservative Regierung allzu gierigen Vermietern den Kampf angesagt.

Ab 2012 müssen Wohnungseigentümer, die für mikroskopisch kleine Behausungen Wuchermieten verlangen, eine Sondersteuer zahlen. Das Vorhaben, das noch vom Parlament abgesegnet werden muss, ist Teil des Haushaltsentwurfs 2012. Gelten soll die neue, progressive Steuer in Höhe von zehn bis 40 Prozent für Zimmer vor allem in Paris und an der Côte d’Azur, die maximal 13 Quadratmeter groß sind und zu exzessiven Preisen von mehr als 40 Euro pro Quadratmeter vermietet werden. Ein konkretes Beispiel: Verlangt ein Vermieter für ein zehn Quadratmeter großes Dienstmädchenzimmer 800 Euro pro Monat, muss er künftig 320 Euro an Strafsteuern zahlen. 48.704 solcher so genannten „Micrologements“ gibt es nach offiziellen Angaben in Frankreich, davon entfällt allein die Hälfte auf Paris. Ziel der geplanten Steuer sei aber nicht, damit die Staatsfinanzen aufzubessern, heißt es im Wohnungsministerium. Stattdessen hoffe man auf eine abschreckende Wirkung.

Vielen Abgeordneten geht die Maßnahme allerdings nicht weit genug. Denn selbst Mieten bis zu 39 Euro pro Quadratmeter seien für Studenten und Geringverdiener immer noch viel zu teuer, finden sie. Die Abstimmung über die geplante Sondersteuer dürfte also spannend werden. Das Problem der hohen Mieten in Paris dürfte sie jedenfalls nicht beheben. Denn der Wohnraum „intra-muros“, wie die von der Stadtautobahn begrenzten 20. Arrondissements der Metropole genannt werden, bleibt begrenzt. Gleichzeitig gibt es zu wenig Sozialwohnungen – und zu viele Personen, die darin leben, obwohl sie gut verdienen. Denn wer einmal, nach einer Wartezeit von mindestens ein paar Jahren, eine Sozialwohnung ergattert hat, gibt sie nicht mehr auf. Er muss zwar einen Aufschlag zahlen, aber der ist im Vergleich zu den üblichen Mieten ein Witz. So gibt es Beamte, die über eine Vier-Zimmer-Wohnung in einem Sozialbau in Paris verfügen und dafür gerade mal 600 Euro zahlen. Rausgeschmissen werden sie nicht. Offizielle Begründung ist der soziale Mix, mit dem eine Ghettoisierung verhindert werden soll. Dies zu kritisieren, gilt als Tabu….

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