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17. Mai 2012

Kopfzerbrechen

von solveena
beleza natural

beleza natural

Was bereitet den Brasilianerinnen mitunter das größte Kopfzerbrechen? – Kaum zu glauben, ihre Haare. Ein großer Teil der Frauen hat afrobrasilianische Wurzeln und damit krause, lockige Haare. Sie sind dunkel, dick und nicht zu bändigen. Warum es lange keine Lösung für sie gab? “Die Shampoo-Industrie hat für diese Bevölkerungsschicht keine speziellen Produkte auf den Markt gebracht, weil sie nicht als kaufkräftig galt”, sagt Leila Velez. Bei McDonalds an der Kasse habe sie gelernt, was man zum Führen eines Unternehmens braucht und heute ist die Brasilianerin Chefin von Beleza Natural, einer Kette von Frisier- und Schönheitssalons und Fabrikantin ihrer eigenen Haarpflegemittel.
Sie selbst begann mit zehn Jahren zu arbeiten – als Austrägerin der Wäsche, die ihre Mutter gereinigt hatte. Gemeinsam lebten die beiden in einer der Favelas von Rio de Janeiro. Als Leila 14 war, ging sie zu McDonalds. Zunächst als Putzfrau. Ihre beste Freundin fing in einem Friseurgeschäft an. Beide verzweifelten an ihren Haaren. “Die waren einfach nicht zu frisieren. Entweder wir benutzten eine Spülung aus dem Supermarkt, dann verschwanden unsere Locken, unsere Identität oder wir ließen sie weg, dann sahen wir aus wie ein Wischmop”, erinnert sich Leila. Also experimentierten die Freundinnen in ihrer Freizeit verschiedene Mixturen aus, Öle, Cremes und andere pflanzliche Stoffe, bis eines Tages die Zauberformel gefunden schien. Die Locken blieben und die Haare waren nicht länger widerspenstig.
Die Frauen waren sich sicher, die Lösung für viele ihrer Nachbarinnen und Bekannten gefunden zu haben. Sie eröffneten ihren ersten Salon. “Mit exakter Arbeitsteilung, so wie ich es bei McDonalds gelernt hatte”, sagt Leila. Ihre Produkte sind mittlerweile patentiert, sie besitzt 26 Filialen in Rio de Janeiro und Sao Paulo – Tendenz steigend. 1100 Angestellte kümmern sich um ca. 26.000 Kunden am Tag.  Sie spricht Englisch, reist in andere Länder, wo Frauen die gleichen Probleme mit ihren Afro-Haaren haben. Auch bei internationalen Veranstaltungen ist Leila Velez mit ihrer Erfolgs-Geschichte gern gesehen – und natürlich immer top-frisiert.
Leila Velez beim Dell Women Interpreneurs Day in Rio de Janeiro 2011 http://www.flickr.com/photos/dellphotos/5824160801/in/photostream/
25. März 2012

Portugiesisch? – Nein, Brasilianisch!

von solveena
Brasilianischer Stolz

Brasilianischer Stolz

Wer “Brasilianisch” lernen will, bevor er nach Brasilien kommt, hat nicht etwa eine Bildungslücke, sondern geht genau richtig vor. Auch wenn die Unterschiede zwischen dem portugiesischen Portugiesisch und dem Brasilianischen nicht so gravierend sind, wie sie gerne dargestellt werden, legen die Brasilianer im Allgemeinen Wert darauf, “Brasilianisch” und nicht “Portugiesisch” zu sprechen. Das ist aus Sicht des eigenen Selbstverständnisses auch nachvollziehbar. Nicht umsonst werden Aussagen portugiesischer Politiker in den brasilianischen Nachrichten immer mit Untertiteln versehen, was sicher nicht unbedingt notwendig wäre, jedenfalls wenn der Politiker ohne Sprachfehler vorträgt. Man gibt unmissverständlich zu erkennen, dass man nicht die Sprache des einstigen Eroberers pflegt, sondern seine eigene. So zeugt es nicht von Unwissenheit, sondern von interkulturellem Verständnis, auf “Brasilianisch” zu verhandeln.

25. Februar 2012

Große Augen

von solveena
Arruga

Das Wunderkraut Arruda schützt vor bösen Blicken

Der Aberglaube im Mittelalter war nichts gegen den Aberglauben in Brasilien 2012. Die Zahl 13, schwarze Katzen und die berühmte Leiter sind nur die Spitze des Eisbergs. Es gibt eigentlich nichts, das einfach so passiert. Was man auch tut, höchstwahrscheinlich hat es Konsequenzen, ausgelöst – natürlich – von übermenschlichen Mächten. Das geht schon los, wenn man in einem Café oder bei Freunden seine Tasche auf den Boden stellt. Danach, das ist ziemlich sicher, wird man eine Menge Geld verlieren. Die Tasche muss immer über dem Boden sein. Es genügt sie auf einem Stuhl abzulegen oder sie an extra dafür befestigten Haken unterhalb des Tisches einzuhängen. Diese Haken gibt es übrigens auch zu kaufen, so dass man sie mobil immer dabei hat und sie herauskramen kann, sobald die Tasche befestigt werden muss. Nebenbei hat das Ganze sicherheitstechnische Gründe, denn was am Haken hängt, kann schlechter geklaut werden.
Wenn der unvoreingenommene Brasilien-Besucher am Strand entlang geht, wird er hier und da immer mal wieder schöne Keramikgefäße sehen, in die man wunderbar Topfblumen pflanzen könnte. Die Töpfe stehen meist verwaist herum und der aufmerksame Spaziergänger würde sie lieber mitnehmen, bevor sie das Meer davonspült, aber Halt! Bloß nicht anrühren! Das sind Gaben aus afrikanischen Religionen und wer da Hand anlegt, wird sofort von bösen Geistern verfolgt. Man wird keinen Brasilianer erleben, egal welchen Glaubens, der auch nur daran denken würde, die Töpfe anzufassen. Ganz im Gegenteil, man macht einen großen Bogen darum und bittet noch um Erlaubnis vorbeigehen zu dürfen.
Auch so eine Sache ist das “große Auge”. Brasilianer haben ganz feine Antennen für neidige Blicke, zumindest glauben sie das. Ständig haben sie jemanden im Visier, der ein “großes Auge” auf ihr neues Auto oder auf ihre schöne Frau geworfen hat. Diese Blicke können einem das ganze Leben ruinieren, sind sich viele Brasilianer sicher. Deshalb gibt es verschiedene Möglichkeiten, unter anderem die Kräuterpflanze Arruda, um große Augen wieder von sich zu weisen.
Auch bringt es Unglück mit dem linken Fuß in einen Bus einzusteigen oder über die Türschwelle zu treten. Der brasilianische Erfinder und Flugzeugkonstrukteur Alberto Santos Dumont erfand extra eine Treppe, deren Stufen jeweils nur auf einer Seite erweitert waren, so dass man gezwungen war mit dem rechten Fuß in sein Haus einzutreten (http://maps.google.com/maps/place?oe=utf-8&rls=org.mozilla:de:official&client=firefox-a&um=1&ie=UTF-8&q=alberto+santos+dumont+petropolis&fb=1&hq=alberto+santos+dumont&hnear=0x9900627ae0c85f:0xfd55717b161343aa,Petr%C3%B3polis+-+Rio+de+Janeiro,+Brazil&cid=17722774964329197323). Dieses Haus steht übrigens noch als Museum in Petropolis  (http://www.petropolis.rj.gov.br/index.php?url=http%3A//fctp.petropolis.rj.gov.br/fctp/modules/xt_conteudo/index.php%3Fid%3D51)
9. Januar 2012

Zarte Geruchsnerven

von solveena

                        Brasilianer schwitzen nicht gern

Schlechter Humor, unspontan und reserviert. Was wird den Deutschen im Ausland nicht alles nachgesagt. Ein Vorurteil, das sich in Brasilien etabliert hat, ist jedoch neu: Die Deutschen, genauer gesagt alle Europäer, sind ungewaschen. Kein Witz. Und die Brasilianer haben ihre guten Gründe. Nicht etwa, dass Besucher aus der nördlichen Hemisphäre auf südamerikanischem Boden tatsächlich strenger riechen, nein, aber dort wo sie herkommen, duscht man normalerweise nicht viermal am Tag. In Brasilien hingegen ist das nicht selten. Man duscht so oft man schwitzt und man schwitzt sobald man vor die Tür geht. Draußen herrschen nämlich gerne mal Temperaturen von 40 Grad und die Luftfeuchtigkeit gleicht der im Tropenhaus des Dortmunder Zoos. Die klimatisierten vier Wände zu verlassen, bedingt also automatische Schweißausbrüche. Dass es für die Haut nicht gut sei, sie so oft mit Wasser abzubrausen und auch für die Haare nicht, wenn sie so oft gewaschen werden, hören Brasilianer in aller Regel zum ersten Mal. Man erntet nur ungläubige Blicke ob dieser These und fängt dann selbst an zu zweifeln, ob die Eltern einem das vielleicht nur eingeredet haben, um Wasser zu sparen? Zum Glück muss man nicht lange versuchen, Brasilianer davon zu überzeugen, dass man tatsächlich reinlich und gepflegt ist und die Dusche nicht scheut, ganz im Gegenteil, es zieht einen nach kürzester Zeit ganz freiwillig dorthin und man freut sich auf die eiskalte Abkühlung.
Noch was zur Reinlichkeit, das ist in Brasilien wirklich ein großes Thema: Die Brasilianer lieben es, ihre Zähne zu putzen. Es ist im Geschäftsleben völlig normal, dass einem die Kollegen mit weißem Zahnpastaschaum vor dem Mund entgegenkommen, gründlichst im Büro ihre Zähne putzen und dann auf der Toilette den Mund ausspülen. Das Ganze, wie es sich gehört, nach jeder Mahlzeit. Dazu zählt auch ein Apfel oder ein Kaffee. Einige ergänzen die ganze Prozedur auch mit Zahnseide, vor allem nach dem Verzehr von Fleisch. Eine Zahnbürste findet man in jeder gut sortierten brasilianischen Handtasche oder respektive im Aktenkoffer.
4. Dezember 2011

Man kann nur einem “Nein” trauen

von solveena
Straßenszene

Brasilien

Unmissverständlich “Nein” sagt man in Brasilien eigentlich nur einem interessierten Mann. Dann stehen die Chancen einigermaßen gut, dass er – wenigstens nach mehrmaligem Wiederholen des klaren “Neins” – von einem ablässt. Ansonsten fällt das Wort “Nein” in Brasilien eher selten. Will man beispielsweise einer Einladung zum Grillen, also zum churrasco, fern bleiben, ist eine kleine Ausrede durchaus empfehlenswert. In jedem Fall ist man “leider verhindert” oder “meldet sich noch mal”. Auch gerne genommen ist die Aussage “Ich schaue mal, ob ich es schaffe” – eigentlich weiß dann jeder, der Gast kommt nicht.
Niemals wird man ein “Nein” nach dem Anprobieren eines Kleidungsstücks oder eines Paares Schuhe hören. Es ist immer alles toll, aber man kommt dann noch mal wieder,… gerne auf dem Rückweg. Für den Verkäufer ist damit alles klar – der Schuh bleibt vorerst im Schaufenster.
Mit dem “Ja” ist es deutlich einfacher. Das fängt schon damit an, dass Brasilianer gemeinhin gerne zustimmen. Auf Konfrontation gehen sie nur ungern. Man sollte sich auf ein “Ja” jedoch nicht gleich verlassen. Wenn man beispielsweise fragt: “Könntest du mir beim nächsten Mal bescheid sagen, wenn du in die Stadt fährst?” und die Antwort “Ja” lautet, dann ist es trotzdem sehr unwahrscheinlich, dass man wirklich darauf hingewiesen wird. Auch entwickeln vor allem Männer im Geschäftsleben ein ungemeines Selbstvertrauen, das schnell zu einem voreiligen, euphorischen “Ja” führen kann. Man könnte ohne weiteres einen Gärtner fragen, ob er sich zutraut, im Garten das Empire State Building nachzubauen. Zu 100% kann er. Der Preis ist schnell ausgehandelt und es kann losgehen, nur mit Sicherheit hat der Bautrupp am nächsten Morgen weder Schaufel noch Schubkarre dabei, geschweige denn einen Plan, wie das mit dem Gebäude überhaupt funktionieren soll. Unterm Strich gilt: Nichts ist unmöglich in Brasilien, aber einem Nein kann man eher trauen als einem Ja.

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